"Heimat" und Kirche

5 Jun 2019

In einem Interview mit der Presse (03.06.2019) definierte der deutsche Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann Heimat als Begriff, „der zu leuchten anfängt, wenn man ihn verloren hat".

Durch die Geschichte schwer belastet, hört sich das Wort „Heimat“ im deutschen Sprachgebrauch noch immer beinahe ein wenig „unanständig“ an.

 

Losgelöst vom politischen und ideologischen Missbrauch des Wortes „Heimat“ lässt sich dieses Wort jedoch auch verwenden, wenn es um die aktuellen und wohl auch zukünftigen Probleme unserer evangelischen Kirche geht.

 

Für wen ist Kirche noch „Heimat“?

 

Diese Frage ist sehr wichtig. Denn je weniger die Kirche einem Menschen auch „Heimat“ ist, um so leichter fällt es ihm, dieser Kirche den Rücken zu kehren. In Kombination mit dem leidigen Thema „Kirchenbeitrag“ haben viele kontroversielle Themen dazu beigetragen, dass sich Menschen in der Kirche nicht mehr „zu Hause“ fühlen: Politisierung der Kirche, Ehe für alle, Bewertung des Islam, Bibelverständnis und viele andere Themenbereiche werden so widersprüchlich diskutiert, dass es immer schwerer fällt, die Kirche als „ein Haus“ zu verstehen, in dem „ein Evangelium“ gepredigt wird.

 

Muss mir Kirche „gefallen“, damit sie „Heimat“ sein kann?
Hat sich die Kirche nach meinen Bedürfnissen zu orientieren?
Muss die Kirche ein Verein von Menschen sein, die sich in allen geistlichen Aspekten immer einig sind?
Kann ich mir Kirche einfach „aussuchen“, oder ist es meine Pflicht als Christ, mich zu fragen, in welche Kirche mich Gott „hineingestellt“ hat?

 

Wie reagierte Martin Luther auf die Irrlehren der katholischen Kirche zu seiner Zeit? -  Er sagte: „Freilich, wir tadeln, verabscheuen, bitten und ermahnen. Aber wir zerschneiden deshalb nicht die ‚Einigkeit im Geist‘ (Epheser 4,3), wir ‚blasen uns nicht auf wider sie‘ (1. Korinther 4,6).“

Luther wollte nichts „zerschneiden“ oder „trennen“, er wollte „seiner“ Kirche niemals den Rücken kehren.

 

In Europa leben wir in einer Zeit der radikalen Säkularisierung.

Dieser Trend macht auch vor der Theologie nicht halt. Radikal formuliert: Immer weniger Menschen besuchen die Gottesdienste, in denen immer seltener auch die zentrale Botschaft des Evangeliums verkündigt wird.

Vor allem in sehr frommen Kreisen ist es üblich, diesen Aspekt zum alleinigen Entscheidungskriterium über einen Verbleib in der Kirche zu erwählen.

 

Dem möchten wir einige wichtige Überlegungen entgegenhalten:

 

  1. „Heimat“, auch geistliche Heimat, ist nicht nur an einem Punkt festzumachen. Auch der Ablauf eines Gottesdienstes, die Liturgie, das Liedgut, der Raum, in dem Gottesdienst gefeiert wird, der kirchliche Jahresablauf, die Traditionen und die Menschen, denen wir im Gottesdienst begegnen, bilden einen wichtigen Teil unserer geistlichen Heimat.
     

  2. Die individuelle Geschichte in einer Gemeinde oder Kirche bildet einen weiteren wesentlichen Bestandteil meiner „Heimat“. Den Ort der ersten Kinderbibel, der ersten Begegnungen mit Gottes Wort, die Kirche, in der ich getauft und konfirmiert wurde...... diese persönliche Geschichte lässt man weder leichtfertig noch ohne geistliche und seelische Narben hinter sich.
     

  3. Kirche ist aber nicht nur die Heimat meiner individuellen, persönlichen Geschichte. Sie ist auch der vertraute Ort jener größeren Geschichte, die Gott geschrieben hat und weiter schreibt. Vielleicht nicht so groß und unübersehbar, wie ich es mir vorstelle. Will ich deshalb aus "seiner" Geschichte mit seiner und meiner Kirche aussteigen?
     

  4. „Heimat“ ist immer auch eine Anfechtung und Herausforderung. Sie will aktiv gestaltet und nicht passiv erlebt und erlitten werden. Man kann Kirche sehr leicht „von außen“ (als „Fremder“) kritisieren. Ändern kann man sie nur aus der Mitte heraus. In diesem Bemühen wird oft Römer 5,3-5 zur erlebbaren Herausforderung: „Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“
    Christen erwarten Trübsal und Bedrängnis immer als Anfechtung, die „von außen“ kommt. Die Kirchengeschichte lehrt uns etwas anderes: die größten Herausforderungen entstehen nicht außerhalb, sondern innerhalb der Heimat, die sich Kirche nennt.
     

  5. Nichts verspottet den Missionsauftrag mehr, als die ständigen Kirchentrennungen, -spaltungen, -austritte. Die große Anzahl an Kirchen, unterschiedlichen Gemeinden, die sich nicht unter einem geistlichen Dach beheimatet wissen, sind das schlechteste Zeugnis, das wir dieser Welt als Christen geben können. Nichts untergräbt unsere Glaubwürdigkeit mehr und nichts setzt das Wort Gottes in ein fragwürdigeres Licht, als die Lust der Christen an Absonderung und dem geistlich hochmütigen Streben nach der „perfekten“ Kirche oder Gemeinde. Die Christen waren und sind immer wieder gerne bereit, das Gleichnis Jesu vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13,24-30; vgl. 25,1-13) zu ignorieren. Sagt Jesus dort nicht: „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte.“?
     

  6. Besonders tragisch ist es, wenn die „Starken im Glauben“ der Kirche den Rücken kehren. Sie, die den Auftrag haben, auch in der Kirche Licht und Salz zu sein, sehnen sich nach einem Salztopf, der frei von innerkirchlichen Anfechtungen und Problemen ist. Ihre Verantwortung für den Schritt aus der Kirche, die sie mit ihrem angeblich so starken Glauben doch stärker als viele andere prägen, gestalten und verändern könnten, wiegt wohl besonders schwer. Unsere Zeit schreit geradezu nach einer glaubwürdigen Kirche. Statt an dieser mitzuarbeiten, wählen viele den Weg des unglaubwürdigen Austritts. Dieser war niemals und wird niemals ein Glaubenszeugnis sein. Im Gegenteil.

 

Kirche ist Heimat. Gerade die evangelische Kirche lädt alle Christinnen und Christen dazu ein, diese Heimat in der Kraft des Glaubens segensreich zu gestalten. Es ist ein Dienst an den Menschen, die heute leben, an den Kindern und Kindeskindern und an allen Generationen, die nach uns noch kommen.

 

Diesen Dienst wahrzunehmen, ist zugleich ein Recht und eine Pflicht für alle evangelischen Christen. Damit uns „Kirche“ nicht, wie im Eingangszitat erwähnt, zu einem Begriff wird, "der erst zu leuchten anfängt, wenn man ihn verloren hat.“

Please reload

KONTAKT   |   IMPRESSUM   |   DATENSCHUTZ   |   PARTNER