Wege aus der Knechtschaft

5 Mar 2019

Gut dreitausend Jahre –

so viel trennt uns wohl von diesen Worten.

Können wir die überbrücken?

Wir leben in Frieden, in einem freien Land.

Sklaverei?

Bei uns doch nicht!

Obwohl – wenn ich an die Bilder denke,

die wir gesehen haben …

 

Und wenn ich mir Zeit nehme beim Einkaufen

und durch das Geschäft schlendere

– Jeans made in Kambodscha,

T-Shirts made in Bangladesch,

Handys aus China,

Orangen aus Brasilien,

Bananen aus Costa Rica –

und alles ganz günstig

und jetzt noch einmal reduziert

– weil es der Frühjahrsmode Platz machen muss

oder weil es sonst weggeworfen wird …

 

Ja, dann bin ich recht schnell

eigentlich doch wieder mitten drin in diesem Text.

Und ich sehe die Flüchtlingsboote,

die über das Meer kommen.

Menschen fliehen vor menschenfeindlichen Strukturen,

vor der Sklaverei der Märkte

– hin zu uns

in das Gelobte Land.

Nur dass da keiner das Meer teilt.

Nein, die Wellen schlagen über ihnen zusammen.

Und hinter ihnen ist auch kein feindliches Heer,

sondern ein Heer neuer Flüchtlinge.

Dreitausend Jahre –

und die Geschichte ist immer noch die selbe.

 

Aber da ist kein Mose, der singt.

Mirjam tanzt nicht mehr.

Das Singen, das haben wir verlernt.

 

Dreitausend Jahre.

Und manchmal denke ich,

ich könnte die Bibel

als Kommentar zu meinem Leben lesen.

Zu unserem Leben, zu unserer Zeit.

 

Ich sehe mich – und tausende andere –

Tag für Tag meine Arbeit tun.

Wir leben unser Leben,

hektisch und betriebsam.

 

Wir sind ja wer.

Wir haben Termine.

Wir gehören dazu.

Wir checken die Mails, WhatsApp und facebook,

erledigen unsere Arbeit,

schreiben unseren Freunden

auf WhatsApp, facebook, Twitter, snapchat

oder wie auch immer,

brauchen dabei kaum jemanden

in die Augen zu schauen, surfen im Internet, …

 

Oft, da gleicht

der immer gleiche Ablauf der Tage und Wochen

einem Hamsterrad, das sich unaufhörlich dreht,

ohne dass ich vom Fleck komme.

Und manchmal, da möchte ich schreien:

Das bin ich nicht!

 

Moderne, europäische Sklaverei im 21. Jahrhundert?

Und ich bin Treiber und Sklave zugleich.

Wohin könnte ich denn fliehen?

Singt jemand für mich?

Für uns?

 

Freilich, da blitzen Momente auf, die voll Lachen sind – Stunden mit Freunden,

ein Blick über das Land, der mich erkennen lässt,

wie schön diese Welt sein kann:

Ich spüre, dass Gottes Wort vom Anfang her

– dieses „Es ist alles sehr gut!“ –

auch heute noch stimmt.

 

Aber dann:

Der nächste Termin drängt

und das Rad dreht sich unbarmherzig von neuem.

 

Was kann mir da noch Hoffnung geben?

 

Claudia Mitscha-Eibl singt:

Im Lande der Knechtschaft, da lebten sie lang,

in fremde Gefilde verbannt.

Vergessen die Freiheit, verstummt ihr Gesang

und die Hoffnung vergraben im Sand.

Nur heimlich im Herzen, da hegten sie bang

den Traum vom gelobten Land.

 

Der Traum vom „gelobten Land“,

von der Freiheit, von der Selbstbestimmung.

Es ist ein Menschheitstraum,

der uns hier in der Geschichte des Mose überliefert ist.

 

Die Sache hätte ja ganz anders ausgehen können –

dort in Ägypten. 

 

Etwa: Und sie lebten glücklos

und unzufrieden mit Gott und der Welt

und werkelten eben so vor sich hin

bis an ihr Lebensende.

 

Doch:
Mirjam, Mirjam schlug auf die Pauke

und Mirjam tanzte vor ihnen her.

Alle, alle fingen zu tanzen an.

Groß war Gottes Tat am Meer. 

Frauen tanzten, es tanzten die Männer,

und Wellen, Wolken, alles tanzt mit.

Mirjam, Mirjam hob ihre Stimme.

Sie sang für Gott, sie sang ihr Lied.

 

Ja, es gibt sie auch bei uns:

Die Menschen, die nicht aufhören, davon zu erzählen,

wie es sein könnte.

Menschen, die die Erinnerung wach halten,

dass das Leben noch ganz anders sein könnte.

 

Ja, manchmal, da stehe ich auch auf.

Da möchte ich tanzen,

da höre ich die Melodie dieser Welt

um mich und in mir.

 

– Und dann hab ich auf einmal Angst

vor dem eigenen Mut.

 

Nein, wer wird denn gleich so überschwänglich sein.

Was werden denn die Leute sagen,

die Nachbarn, die Kollegen, die Fremden?

 

Man kann doch nicht einfach so aussteigen

und eigene Wege gehen.

Man muss doch vernünftig sein.

Verantwortungsvoll.

 

Ja: Die Narben der Knechtschaft

an Schultern und Knien,

die Blicke verhalten und scheu,
die Rücken gebeugt noch,

so ziehn sie dahin,

und die Freiheit ist drohend und neu.
Es lockt die Versuchung, zurückzufliehn

in die Sicherheit der Sklaverei.

 

Damals – und heute.

 

Damals wie heute ist es leichter,

das gewohnte Hamsterrad zu wählen,

das Sicherheit gibt,

Gewissheit

und sogar ein Stück Geborgenheit.

Man weiß ja schließlich, wie es ist.

Und irgendwie, irgendwann

hat man den Dreh heraus.

 

Das ist leichter, als neu zu beginnen – ganz ohne Netz.

Freiheit – dieses herrliche und gefährliche Wort.

 

Doch:
Mirjam, Mirjam schlug auf die Pauke

und Mirjam tanzte vor ihnen her.

Alle, alle fingen zu tanzen an.

Groß war Gottes Tat am Meer.

Frauen tanzten, es tanzten die Männer,

und Wellen, Wolken, alles tanzt mit.

Mirjam, Mirjam hob ihre Stimme.

Sie sang für Gott, sie sang ihr Lied.

 

Mose singt ein Lied

und seine Schwester singt

und führt den Tanz an.

Heraus aus der harten Sicherheit Ägyptens,

durch das Wunder des Meeres

hinein in die Wüste des Sinai.

Hinein in eine unbekannte Zukunft.

 

Das einzige was sie wissen

– und was sie immer wieder einmal vergessen (wollen) ist, das Versprechen Gottes, sein Name:

JHWH, ICH-BIN-DA

 

Der ICH-BIN-DA geht mit ihnen.

 

Trotzdem bleibt da die Wüste.

Es bleiben die Mühen, die Zweifel, der Streit.

Trotzdem bleiben da Stress in der Arbeit 

und Ärger in der Familie daheim.

Trotzdem bleibt die Wüste des Alltags,

die Durststrecken im Leben.

Aber es bleibt auch Gottes Versprechen.

 

ICH-BIN-DA.

Wir gehen den Weg in die Freiheit nicht allein.

 

Das will ich auch für mich heute hören, für uns.

Auch wenn Selber-singen

nicht unbedingt gesellschaftsfähig ist,

auch wenn ich es sicher nicht

zur nächsen Staffel von Dancing Stars schaffe. –

 

Wenn wir die Sehnsucht wach halten,

wenn wir die alten Geschichten zu unseren machen,

dann lernen wir

vielleicht nicht gleich einen leichtfüßigen Tanzschritt, aber wir erleben doch:

 

Die Bande der Knechtschaft,

die fall'n langsam ab,

die Schritte verlernen den Trott.
Entwachsen den Ketten,

entstiegen dem Grab,

das Leben besiegte den Tod.
Ihr Weg ist noch weit,

doch sie haben die Kraft,

denn in ihren Herzen ist Gott.

 

Denn:

Mirjam, Mirjam schlug auf die Pauke

und Mirjam tanzte vor ihnen her.

Alle, alle fingen zu tanzen an.

Groß war Gottes Tat am Meer.

Frauen tanzten, es tanzten die Männer,

und Wellen, Wolken, alles tanzt mit.

Mirjam, Mirjam hob ihre Stimme.

Sie sang für Gott, sie sang ihr Lied.

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