Luther und die Universitäten

11 Jan 2017

Es war schon ein spannendes „Match“, das sich zu Beginn des 16. Jahrhundert auf der Weltbühne abspielte. Wittenberg gegen Rom! Hier ein deutsches Provinznest an der Elbe, dort die Stadt in Italien, in der das Papsttum gerade im Begriff war, durch den Bau des Petersdoms ein auch nach außen imposantes Zeugnis seiner universellen Macht zu errichten.

 

Kurfürst Friedrich der Weise wollte Wittenberg zu einer anerkannten Universitätsstadt ausbauen. Neben wirtschaftlicher Macht und militärischer Stärke wurde in der Renaissancezeit das Thema „Bildung“ immer wichtiger. Theologie, Recht, und Medizin, Mathematik und Sprachen sollte in Wittenberg unterrichtet werden.

Ab 1512 lehrte Martin Luther als Professor der Theologischen Fakultät mit dem Schwerpunkt der Bibelauslegung. Mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel hatte Luther nicht nur den Streit mit dem Papst sondern, wie sich natürlich erst rückwirkend herausstellen sollte, eine Reformation losgetreten, die Europa und die Welt grundlegend verändern würden.

Weniger bekannt ist, dass sich Luther auch um die Weiterentwicklung der Universität Wittenberg kümmerte. Die konservativen Kräfte in der Universität wollten das scholastische Ideal der Bildung, die das Mittelalter geprägt hatte, weiterführen. Luther aber war entschlossen, das Fenster im Bereich der Bildung weit zu öffnen und sich neuen, humanistischen Strömungen zu zuwenden. Um die alten Texte besser zu verstehen, sollte es nicht mehr genügen, Latein zu können. Es ging darum, zu den griechischen und hebräischen Originaltexten der Bibel zurück zu finden. Luthers Wunschkandidat für die Sprachwissenschaften, Johannes Reuchlin, winkte aus Altersgründen ab, empfahl jedoch seinen Neffen Philipp Melanchthon. Dieser wurde Luthers unentbehrlicher Helfer bei den Bibelübersetzungen und treuester Begleiter in den stürmischen ersten Jahren der Reformation.

Luther sorgte auch dafür, dass Kurfürst Friedrich das Geld zur Verfügung stellte, um die Universität auszubauen, und kompetente Professoren nach Wittenberg zu holen. In dem Maß, wie die Universität Wittenberg an Image und Bedeutung zunahm, wuchs auch die Stadt selbst.  In der Universität ging es nicht nur um Theologie. Waren früher an der Artistenfakultät in erster Linie langweilige Logikfragen in der Auseinandersetzung mit Aristoteles im Zentrum der Studien gestanden, so gab es nun plötzlich ein „modernes“, für die Traditionalisten geradezu „gefährliches“ Angebot: Mathematik, Naturkunde, Rhetorik, Geografie. Auch das Studium der Medizin und des Rechts wurden modernisiert.

Der Erfolg war sehr rasch messbar. Als sich Luther 1508 an der Universität Wittenberg eingeschrieben hatte, war er einer von 62 Studenten. Zehn Jahre später kamen bereits 273 Studenten und 1520 waren es 579. Binnen weniger Jahre überschritt die Zahl der in Wittenberg lebenden Studenten die Zahl 2000.

 

Kurfürst Friedrich ermöglichte auch die Neuanschaffung von spektakulären Werken: Vom berühmtesten Drucker für antike Texte, Aldus Manutius in Venedig wurden hochmoderne lateinische, griechische und hebräische Ausgaben angeschafft, ebenso die Schriften von Erasmus von Rotterdam, der unter anderem 1516 das Neue Testament auf Griechisch und in lateinischer Übersetzung herausbrachte.

 

Luther sorgte auch dafür, dass in Wittenberg eine Zweigstelle einer Leipziger Druckerei eröffnet wurde. An dem Unternehmerkonsortium, das die Finanzierung sicherte, beteiligte sich unter anderem der Hofmaler des Kurfürsten, Lucas Cranach der Ältere. Damit war gesichert, dass die Universität auch modern und effizient publizieren konnte. Im Cranachhaus wurde an der ersten modernen Bibel gearbeitet. Luther übersetzte das Neue Testament 1521/22 auf der Wartburg, und bereits im September 1522 wurde diese auf der Leipziger Messe vorgestellt.

 

Mit der Universität wuchs auch die Stadt Wittenberg. Noch bedeutsamer war aber der Einfluss, den Luthers und Melanchthons Bemühen um einen modernen Universitätsbetrieb auf das Bildungswesen in Deutschland ausübte. Später sollte Melanchthon wohl nicht zu Unrecht „Praeceptor Germaniae“ - Lehrer Deutschlands – genannt werden.

1558 erschien in der Werkstatt von Lucas Cranach ein Holzschnitt mit dem Titel „Wittenberg, die ruhmreiche Gottesstadt, Sitz und Burg der wahren, den ganzen Erdball beherrschenden Lehre, des Kurfürstentums Sachsens Hauptstadt, die berühmteste unter den Universitäten Europas und des letzten Jahrtausends bei Weitem heiligster Ort.

 

Wir verdanken unserem Reformator und seinen Mitstreitern nicht nur die Reformation sondern auch entscheidende Impulse und Weichenstellungen zur Entwicklung eines modernen universitären Bildungswesens.

 

In diesem Artikel wurde der Schwerpunkt der Betrachtung auf die Universität gelegt.
Wichtiger noch war jedoch sein Einfluss auf das allgemeine Schulwesen. Hier ist besonders seine Schrift "An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) zu erwähnen. Dieser Aspekt soll in einem späteren Artikel näher beleuchtet werden.

 

 

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