Kirche und Politik

14 Dec 2016

 


Von Stefan Fleischer, einem ehemaligen Organisator einer Großbank, ist folgendes Zitat überliefert: Die Kirche ist nicht dazu da, einem Politiker zu sagen: „Tritt zurück“, sondern allen Menschen: „Kehrt um!“

 

In schöner Regelmäßigkeit ärgern sich viele evangelische Christen in unserer Gemeinde, wenn sie den Eindruck haben, dass sich die Kirche in einer Art und Weise zur Politik äußert, die als parteipolitische Stellungnahme missverstanden werden könnte.

 

Es ist nicht Aufgabe der Kirche, für oder gegen eine bestimmte politische Partei einzutreten. In unserem demokratischen Rechtsstaat gibt es genügend gesetzlich garantierte Möglichkeiten, die es jedem politisch interessierten Menschen, jeder politischen Organisation und allen Medien erlauben, Parteipolitik zu kommentieren. Diese Möglichkeiten werden erfreu-licherweise auch ausgiebig wahrgenommen. Das Verfassen von Kommentaren zur Tagespolitik zählt nach unserer Überzeugung aber nicht zu den Aufgaben der Kirche.

 

Das Problem ist allerdings nicht ganz so einfach, wie es beim ersten Nachdenken vielleicht den Anschein hat.

Eine Kirche, die in dieser Welt Licht und Salz sein möchte, kann die Politik nicht einfach ausblenden. Wenn die Freiheit und die Würde des Menschen durch das Tun oder Unterlassen der Politik gefährdet sind, darf die Kirche nicht mehr schweigen.

 

Die Bekennende Kirche in den Zeiten des Nationalsozialismus ist ein positives Beispiel im Protestantismus dafür, wie sehr Kirche bereit sein muss, auch in der Welt Verantwortung zu übernehmen. Dies geschah allerdings in einer Zeit, in der der Rechtsstaat im Begriff war, von der Diktatur ausgelöscht zu werden.

 

Bevor wir zu einigen hilfreichen Informationen zur Bekennenden Kirche kommen, möchten wir als Presbyterium unserer Pfarrgemeinde Folgendes ausdrücklich festhalten:

 

  • Uns sind alle Mitglieder unserer Pfarrgemeinde gleich wertvoll und wichtig, egal mit welcher durch das Gesetz zugelassenen politischen Partei sie sympathisieren, bei welcherPartei sie vielleicht Mitglied sind oder welcher Partei bzw. welchen Politikern sie bei Wahlen ihre Stimme geben.
     

  • Wir sehen es nicht als Aufgabe der Kirche oder der Gemeinden, die Tagespolitik und die Äußerungen von Politikern zu kommentieren und fühlen uns zur absoluten Überparteilichkeit verpflichtet. Dementsprechend ist es unsere Pflicht, gewissenhaft alles zu unterlassen, was den Eindruck dieser Überparteilichkeit beeinträchtigen könnte.
     

  • Natürlich ist es sowohl das Recht als auch die Pflicht der Kirche, sich zu großen Themen, die das Leben und Wohlergehen, die Freiheit und die Sicherheit der gegenwärtigen wie auch der zukünftigen Generationen betreffen, der christlichen Verantwortung entsprechend zu äußern. Doch auch in diesen Stellungnahmen sind parteipolitische Bezüge tunlichst zu vermeiden.
     

  • Statt die Tagespolitik zu kommentieren sollten christliche Gemeinden und Kirchen verstärkt der Pflicht nachkommen, dem Wort Gottes entsprechend für alle Menschen in öffentlichen Ämtern und in der Politik zu beten. Wie schreibt Paulus im 1. Brief an Timotheus? „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“

 

Nun aber zu dem Beispiel aus der Zeit des Nationalsozialismus, in der die Kirche aus dem Glauben heraus verpflichtet war, ihre Stimme zu erheben:

Das nationalsozialistische Regime in Deutschland bemühte sich sehr früh, auch die Evangelische Kirche ihrer Ideologie unterzuordnen. Die sogenannten „Deutschen Christen" bildeten innerhalb der Kirche eine Strömung, die diesem Missbrauch von Religion und Glaube willig folgten.
Bereits 1933 gründeten deutsche evangelische Theologen, Pfarrer und kirchliche Amtsträger den „Pfarrernotbund", der sich von der nationalsozialistischen Ideologie, der staatlichen Kirchenpolitik Hitlers und der Idee einer „Reichskirche" ohne Christen jüdischer Herkunft distanzierten. Aus diesem Pfarrernotbund, der wesentlich durch Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer geprägt war, entstand 1934 die Bekennende Kirche.


Die bereits 1934 auf der Bekenntnissynode zu Barmen am 31. Mai verabschiedete „Barmer Theologische Erklärung" ist ein beeindruckendes Glaubenszeugnis, das nicht zu Unrecht auch heute noch zu den Bekenntnisschriften der Evangelischen Kirche gehört. Sie wurde vor allem von Karl Barth, Thomas Breit und Hans Asmussen formuliert. Obwohl Wörter wie „Nationalsozialismus" oder „Hitler" im Text nicht aufscheinen, war jedem Leser vollkommen klar, dass die Verfasser mit Entschiedenheit die Vereinnahmung und Beherrschung der Kirche durch die Nationalsozialisten ablehnten.

Durch die gewählte Form darf der Barmer Theologischen Erklärung eine zeitlose Gültigkeit bescheinigt werden. Die Schrift wehrt sich gegen jede Ideologie und Gewalt, die eine der Heiligen Schrift verpflichteten Kirche beherrschen möchte. Christus ist das Haupt der Kirche und der Gemeinden, einen anderen Herren darf die Christenheit in ihrem Glauben nicht anerkennen.


Aus den sechs Thesen der Barmer Erklärung führen wir an dieser Stelle lediglich den Abschluss jeder These an. Das Lesen der gesamten Erklärung sei jedoch allen interessierten Christen ausdrücklich empfohlen (sie ist in unserem Gesangbuch unter der Nummer 810 als eine der Bekenntnisschriften der Evangelischen Kirche im vollen Wortlaut abgedruckt):


Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."


Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften."


Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen."


Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen."


Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden."


Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen."

 

Die Bekennende Kirche blieb kein unscheinbares Minderheitenprogramm. Sie erhielt innerhalb kurzer Zeit einen sehr starken Zulauf von verantwortungsbewussten und mutigen Christen.


Nach dem zweiten Weltkrieg waren es wiederum führende Vertreter der Bekennenden Kirche, die für das Zustandekommen des Stuttgarter Schuldbekenntnisses verantwortlich zeichneten, und damit die Mitschuld der evangelischen Christen an den zurückliegenden Katastrophen öffentlich dokumentierten.


Viele Mitglieder der Bekennenden Kirche erlebten das Kriegsende jedoch nicht, weil sie von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Einer der prominentesten Märtyrer aus dieser Zeit ist sicherlich Dietrich Bonhoeffer.


Natürlich gab es auch außerhalb der Evangelischen Kirche geistlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die offizielle katholische Kirche schwieg jedoch bis 1937. In diesem Jahr verfasste Papst Pius XI die Enzyklika „Mit brennender Sorge", die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte.


Zurück zur Gegenwart: Wenn heute radikale, undemokratische Bewegungen im Begriff wären, unsere Gesellschaft zu bedrohen, so wäre die Kirche natürlich verpflichtet, ihre Stimme zu erheben, und zwar unabhängig davon, ob sich diese Bedrohungen direkt im politischen oder auf Umwegen im  religiösen, militärischen, wirtschaftlichen oder auch medialen Bereich ausbreiten. Solange diese Gefahr nicht besteht und wir in einem funktionierenden Rechtsstaat leben, sollte sich die Kirche mit Äußerungen zur Politik zurückhalten. Andernfalls wird sie am Missionsauftrag und an der Pflicht, die Gemeinden in deren Aufgaben bestmöglich zu unterstützen, scheitern.
 

 

/ Presbyterium der Evangelischen Pfarrgemeinde Althofen /

 

 

 

 

 

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