Gute Vorsätze für das neue Jahr

8 Jun 2015

Predigt von P. Jörg Arndt (evangelisch-lutherisch) 
über: Römer 12, 1-3

Gestern fand ich eine nette Karikatur von Kim Schmidt in der Zeitung. Ein fettes Schwein liegt gemütlich in seiner Box und ist genüsslich am Fressen. Hinter ihm steht eine Kuh und sagt: "Ich dachte, du wolltest im neuen Jahr mehr Sport treiben und weniger fressen?" 

Das Schwein antwortet: "Das habe ich doch gestern schon alles gemacht!" 

Gute Vorsätze gehören zum Jahreswechsel dazu. Etwa 46 Prozent aller Deutschen fassen gute Vorsätze, weniger als die Hälfte davon werden tatsächlich in die Tat umgesetzt. Aber immerhin demonstrieren Menschen, die gute Vorsätze fassen, einen Willen zur positiven Veränderung. 

Wir alle verändern uns ja, ob wir wollen oder nicht. Jeden Tag ein bisschen. Jeden Tag werden wir ein bisschen älter, nehmen an Erfahrung zu, wachsen im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung, und manchmal auch im Körpergewicht (natürlich hauptsächlich durch den Aufbau von Muskelmasse) – kurz und gut: Leben heißt, sich beständig zu verändern. 

Der griechische Philosoph Heraklit hat gesagt: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen!" Er meinte damit, dass sowohl der Fluss als auch der Mensch sich in der Zwischenzeit verändert haben. "Alles fließt", hat er gesagt. 

Wenn wir also gute Vorsätze fassen, heißt das, dass wir uns dessen bewusst sind und unsere Energien darauf verwenden wollen, diese Veränderungen in eine positive Richtung zu steuern. Und manchmal gelingt es ja auch tatsächlich. 

Entscheidend für den Erfolg sind nicht zuletzt die Einflüsse, denen wir uns aussetzen. Die Bücher, die wir lesen, die Filme die wir uns anschauen, die Internetseiten, die wir besuchen, haben eine Auswirkung auf unser Leben. Wer regelmäßig Ballerspiele auf dem Computer spielt, braucht nicht zu erwarten, dass er an Friedfertigkeit hinzu gewinnt. Wer regelmäßig Zeit mit Freunden verbringt, die negativ eingestellt sind, wird wohl eher nicht an Lebensfreude gewinnen. 

Dieser Umstand ist ein wichtiger Grund dafür, warum wir regelmäßig Gottesdienste feiern. Wir wollen uns bewusst dem Einfluss Gottes aussetzen. Ich denke, das ist das Beste, was wir für unseren inneren Menschen tun können. 

Dabei ist das Erste immer, dass wir der Liebe Gottes begegnen. Wir haben es vorhin erst wieder gesungen: "Ein Wohlgefallen Gott an uns hat"! Das ist wirklich so! Gott hat Wohlgefallen an uns. Er liebt uns, und er möchte, dass wir das wissen. Wir werden heute miteinander das heilige Abendmahl feiern. Jedem, der nach vorne kommt, wird gesagt: "Christi Leib für dich gegeben!" Das heißt, Du bist gemeint! Für dich ganz persönlich ist Jesus in den Tod gegangen, weil er dich erlösen wollte. Er hat etwas vor mit deinem Leben! Und wer immer noch Zweifel daran hegt, ob die Liebe Gottes wirklich für ihn persönlich bestimmt ist, ist herzlich eingeladen, sich nach dem Gottesdienst persönlich segnen zu lassen. Da wird dir zugesagt: Gott hat dich ganz besonders gern! Du brauchst dir seine Liebe nicht zu erarbeiten. Du brauchst nicht erst bestimmte Bedingungen zu erfüllen, damit er zu dir Ja sagen kann. Sondern sein Ja zu dir ist immer das erste. Das ist das Fundament unseres christlichen Lebens. 

Weil wir uns aber ständig verändern, ist es Gott nicht egal, in welche Richtung diese Veränderung verläuft. Weil er uns liebt, will er natürlich, dass wir uns in eine positive Richtung weiter entwickeln. Und er möchte uns bei dieser Entwicklung helfen. 

Vom heutigen Predigttext aus Römer 12 möchte ich mich auf einen einzigen Vers konzentrieren, den Vers zwei. Dort heißt es: "Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene." (Römer 12, 2) 

Leider ist die Lutherübersetzung an dieser Stelle etwas ungenau. Wörtlich heißt es nämlich nicht "ändert euch", sondern "lasst euch umgestalten". Es ist eine Passivform. Das ist ein entscheidender Unterschied! Es geht nämlich nicht darum, Dinge aus eigener Kraft zu versuchen, viele gute Vorsätze zu fassen, von denen die Hälfte statistisch gesehen sowieso nicht lange halten, sondern es geht darum, etwas geschehen zu lassen. Es geht darum, dass Gott in unserem Leben zum Zuge kommt. Lasst euch umgestalten! Im Griechischen steht hier das Wort: μεταμορυοῦσθε (metamorphouste), da steckt das Fremdwort "Metamorphose" drin, das wir zum Beispiel aus der Biologie kennen. Metamorphose, das ist die Umwandlung einer Raupe in einen Schmetterling. So gravierend ist die Veränderung, die Gott für uns geplant hat! Es ist doch klar, dass wir das aus eigener Kraft niemals erreichen können! 

Die Schrift sagt, dass das Ziel dieser Veränderung darin besteht, dass wir Jesus Christus immer mehr gleichen. Wir sollen so liebevoll werden wie er. Wir sollen so weise werden, wie er, so erfüllt von der Liebe Gottes wie er. Es ist wirklich ein weiter Weg von der Raupe bis zum Schmetterling, aber Gott arbeitet daran. Wenn wir ihn lassen. Als Ergebnis dieser Veränderung sollen wir ihm immer besser dienen können, immer brauchbarer für seinen Plan werden. Jesus war zu 100 Prozent eins mit dem Willen des Vaters. Es hat ihn nicht interessiert, was andere Leute von ihm wollten, für ihn war nur wichtig, was Gott will. So sollen wir auch werden, damit wir einsetzbar sind für sein Projekt, seine Liebe an andere Menschen weiter zu geben. 

Man kann das vergleichen mit einem Chorleiter, der mit seinem Chor ein schwieriges Musikstück einüben möchte. Er hat eine bestimmte Vorstellung davon, wie das Stück klingen soll, und das kann nur funktionieren, wenn der Chor auch mitzieht, wenn jeder einzelne Chorsänger seinen Anweisungen folgt. Die Individualität jedes Einzelnen bleibt dabei erhalten. Jeder hat eine unverwechselbare Stimme, jeder hat seine eigene Art zu singen, und das ist auch gut so, denn von dieser Vielfalt lebt der Chor. Was man aber gar nicht gebrauchen kann, ist Eigensinn. Wenn einer beschließt, statt "f" lieber "fis" zu singen, wird plötzlich alles schief klingen. 

Wenn der Chorleiter den Einsatz gibt, dann müssen die Sänger auch singen, und nicht sagen: "Ach, ich weiß ja gar nicht, ob ich das jetzt wirklich auch tun möchte", oder: "Von dem lass ich mir gar nichts sagen, bloß weil der auf mich zeigt, fange ich doch jetzt nicht an zu singen!" Mit solch einer Haltung wird der Chor nie gut singen können. Das Ganze funktioniert nur, wenn jeder Einzelne bereit ist, der Leitung des Dirigenten zu folgen. 

Wenn der Chorleiter gut ist, wird er die einzelnen Stimmen individuell trainieren. Er wird vielleicht mit den Sopranstimmen Übungen machen, die ihnen helfen, sicherer in den Höhen zu werden. Vielleicht macht er mit den Bässen spezielle Rhythmusübungen. Und vielleicht wird der eine oder andere Sänger davon genervt sein, aber das alles dient nicht dazu, den einzelnen zu ärgern, sondern ein gutes Gesamtergebnis zu erreichen. So kann man sich das vorstellen, was Gott mit uns vor hat. Wir sollen lernen, uns von ihm leiten zu lassen, ohne dass wir dabei unsere Individualität verlieren. Er will uns trainieren, will uns weiter entwickeln, damit wir immer brauchbarere Werkzeuge seiner Liebe werden. 

Also: die Veränderung, die der Heilige Geist an uns durchführt, beginnt damit, dass wir uns seiner Leitung anvertrauen. Das aber setzt voraus, dass wir bereit sind, unsere Maßstäbe von ihm verändern zu lassen, auch wenn das zur Folge hat, dass wir anders denken und handeln als die Menschen um uns herum. In der "Volxbibel" heißt unser Vers so: "Orientiert euch nicht an dem, wie die Welt ist, und daran, was die für richtig und falsch hält, sondern lasst euch von Gott eine neue Denke nach seinen Maßstäben geben. Dann könnt ihr auch kapieren, was er von euch will, was gut ist und worauf er Bock hat." 

Ich weiß, dass das für viele Menschen viel verlangt ist. Für mich selber war das nie so ein Thema, weil ich schon immer meinem eigenen Kopf gefolgt bin und mich nie besonders dafür interessiert habe, was die anderen für richtig halten. Im Gegenteil, wenn alle anderen etwas taten, war das für mich eher ein Grund, es nicht zu tun. Wenn alle nach rechts gingen, bin ich unter Garantie nach links gegangen. So bin ich einfach gestrickt. Aber ich kenne viele Menschen, bei denen das ganz anders ist. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, ist sich von anderen zu unterscheiden. Anders zu sein als andere, nicht dazu gehören. 

Sie müssen die Klamotten tragen, die andere gut finden, müssen die Musik hören, die eben angesagt ist und folglich richten sie auch alle anderen Lebensentscheidungen an dem aus, was die große Mehrheit will – oder genauer gesagt, die kleine Minderheit, die der Masse ihre Meinung unterjubelt. Wer so gestrickt ist, für den muss das ein Horror sein, nun plötzlich nicht mehr zu fragen: "Was machen alle?", Sondern: "Was will Gott von mir?" – Aber wer weiß, vielleicht erleben sie gerade dann, wenn sie das tun, ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Vielleicht erleben sie dann, wie gut es tut, nicht mehr von der Meinung einer Gruppe abhängig zu sein. 

Probieren Sie es einmal aus: Nehmen Sie sich eine halbe Stunde Zeit, begeben sie sich in die Stille und fragen Sie Gott, ob er mit den Maßstäben ihres Lebens einverstanden ist, oder ob er etwas verändern möchte. Vielleicht bekommen sie zu hören: "Es ist gut, wie du lebst, ich habe meine Freude an dir!", Vielleicht aber möchte er auch ganz etwas anderes sagen. Vielleicht ahnen wir auch schon, was er sagen möchte, haben eine Vorstellung von dem, was in unserem Leben verändert werden müsste und trauen uns deswegen nicht in die Stille. Nur Mut, Gottes Sicht ist auf jeden Fall eine andere als unsere. Und wenn er von uns etwas verlangt, dann gibt er auch die Kraft dazu, es auszuführen. 

Auf jeden Fall ist klar, dass er uns nicht schaden möchte. Er möchte uns das Leben nicht vermiesen. Wir haben es gehört: Sein Wille ist das Gute, das Wohlgefällige und das Vollkommene.

Man kann lange darüber philosophieren, was damit gemeint ist, und ich bin sicher, dass es keine Patentantwort auf diese Frage gibt. Das ist ja gerade das Schwierige, dass für jede Situation neu entschieden werden muss, was das Gute in diesem speziellen Fall ist. 

Was ist denn das Gute im Umgang mit diesem schwierigen Schüler: Soll ich ihn in den Hintern treten oder lieber in den Arm nehmen, was ist in der konkreten Situation das Gute für ihn – braucht er Strenge oder braucht er Güte – das ist individuell verschieden, und ich bin froh, dass die Möglichkeit besteht, Gott danach zu fragen. Er freut sich darüber, wenn wir die Dinge, die uns beschäftigen, mit ihm besprechen und seinen Geist wird uns leiten. 

Vielleicht wäre das ein Vorsatz für das neue Jahr, der sich wirklich lohnt, Gott in sein Leben einzubeziehen, um seine Leitung und Weisheit zu beten. Ich denke, das ist das Beste, was uns passieren kann!

 

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