Erntedank

8 Jun 2015

Predigt über Lukas 12,15-21 (Pastorin Marion Schmager in Lahstedt-Oberg - Deutschland)

Er sprach aber zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habsucht, denn auch wenn jemand Überfluß hat, besteht sein Leben nicht durch seine Habe.
Er sagte aber ein Gleichnis zu ihnen und sprach: Das Land eines reichen Menschen trug viel ein.
Und er überlegte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Denn ich habe nicht, wohin ich meine Früchte einsammeln soll.
Und er sprach: Dies will ich tun: ich will meine Scheunen niederreißen und größere bauen und will dahin all mein Korn und meine Güter einsammeln; und ich will zu meiner Seele sagen: Seele, du hast viele Güter daliegen auf viele Jahre. Ruhe aus, iß, trink, sei fröhlich!
Gott aber sprach zu ihm: Du Tor! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Was du aber bereitet hast, für wen wird es sein?
So ist, der für sich Schätze sammelt und nicht reich ist im Blick auf Gott

Das ist so mit den altvertrauten Geschichten der Bibel. Der Überraschungseffekt ist längst raus! Auch beim Gleichnis vom reichen Kornbauer. Die Sympathien sind verteilt, noch ehe die Erzählung beginnt. Der Evangelist Lukas hat es uns nacherzählt, das Gleichnis Jesu. Er hat es dazu in eine bestimmte Szenerie gestellt, und er hat, wie zum besseren Verständnis, gleich vorab seine Deutung des Gleichnisses gestellt: Hütet euch vor aller Habgier! Ja, Recht hat er, aber er fällt mit der Tür ins Haus. Denn: Habgier möchte sich niemand nachsagen lassen. Und kaum hören wir Jesus dann vom reichen Kornbauer erzählen, da wissen wir schon, dass wir den Mann und seinen Reichtum besser verurteilen sollten, denn - wie gesagt - einen Hang zur Habgier - den wollen wir uns nicht nachsagen lassen! Dabei ist die Sache zu Beginn noch gar nicht entschieden. Der Kornbauer bewegt sich auf schmalem Grat, aber es ist offen, wohin die Sache am Ende kippt.

Er ist offenbar fleißig und hat dazu noch Glück. Er erwartet eine große Ernte. Und er handelt klug: Er baut große Scheunen, um seine Ernte darin unterzubringen - er handelt doch wohl richtig! Wer weiß, wie die Ernte des nächsten Jahres ausfällt? Wer weiß, ob nicht wieder schlechte Jahre kommen? Erst ein verregneter Sommer und dann noch ein trockener, viel zu heißer z.B. - und schon sind die Vorräte dahin. Die großen Scheunen zeugen noch keinesfalls von Größenwahn oder Verblendung! Aber er weiß ja auch zu leben, der reiche Kornbauer. Mir gefällt, dass er seinen Erfolg sichert und anschließend feiern will! Seine Sehnsucht konzentriert sich auf das Ruhen, weil ihm das bisher sicher gefehlt hat in der ständigen Auseinandersetzung mit der Natur. Er kostet es endlich aus, sein Leben; er kostet den Erfolg aus, und die Sicherheit, die ihm sein Erfolg gibt, die kostet er auch aus. Er hat es sich verdient! Auf dein Wohl, Kornbauer, möchte ich ihm zurufen!

Aber jetzt - jetzt geht er zu weit: Er verliert die nötige Distanz zu seiner Arbeit und seinem Erfolg. Auf einmal ist der Erfolg alles, bedeutet der Erfolg sogar Seelenruhe. "Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink, und habe guten Mut!" Eine Seelenruhe, die sich an den materiellen Erfolg verkauft hat. Eine Ruhe ohne Sehnsucht, eine Ruhe ohne die kraftvolle Bewegung des Lebens, eine Ruhe ohne Ziele. Der reiche Kornbauer hat die nötige Distanz zu Reichtum und Besitz verloren. Er wird sich selbst genug - er mit seinem Erfolg, der Narr! Er verdankt sein Leben, seine Seele doch nicht sich selbst und seinem Reichtum, er verdankt sich weiterhin und immer noch Gott! Und der macht es ihm drastisch klar, indem er ihn im Moment der Ruhe den Tod ereilen lässt.

Der Evangelist Lukas hat ein eigenartiges Verhältnis zum Reichtum - einerseits steht er ganz auf der Seite der Armen: Schon zu Beginn seiner Jesusgeschichte lässt er dessen Mutter Maria über Gott singen: "Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen!" Und Jesus sagt später: "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme." Aber unmöglich ist es doch nicht! Nur schwer. Dabei ist Jesus oft bei reichen Leuten zu Gast, die ihm ja zum Teil erst das Wanderleben in Armut ermöglichen, das er gewählt hat - er, den sie aber auch den Fresser und Weinsäufer nennen, also einer, der den schönen Dingen des Lebens durchaus nicht abgeneigt ist. Kein lust- und freudloser Asket jedenfalls, dieser Jesus! Eher ein Lebenskünstler vielleicht. Einer, der eine schwierige Balance hält.

Eine Geschichte jedenfalls, die nicht auf eine grundsätzliche Kritik von Reichtum und Wohlstand hinausläuft. Vielmehr eine Geschichte darüber, wie wir eine Balance zu halten haben in unserem Leben. Die Balance zwischen Diesseits und Jenseits. Zwischen dieser Welt und Gottes neuer Welt. Zwischen Gegenwart und Zukunft. Wir mitten drin. Und da steht der Reichtum im Gleichnis für das volle, satte Diesseits mit all seinen herrlichen Möglichkeiten - um die wir uns allerdings immer wieder neu bemühen müssen, wollen wir dem Leben die schönen Seiten abgewinnen. Sie gehören auch zum Leben - die Mühsal und die Arbeit, die Sorgen und die Plagen, die Enttäuschungen und die Niederlagen. Zu Erntedank kommt beides in den Blick. Die Kirchen sind herrlich geschmückt. So richtig was für die Sinne, für die Augen und - wir können es uns vorstellen - für Mund und Nase! Mit allen Sinnen genießen. So richtig Diesseitsmenschen sein. Aus dem Vollen schöpfen. Und wir halten die Balance! Vor einigen Wochen sagte ein Landwirt über die immer wieder auftretenden Wetterkapriolen sinngemäß: "Es ist gut so, dass wir auf diese Weise wieder merken, dass wir doch noch von der Natur und nicht von der Chemie abhängig sind." So ist die Dankbarkeit an einem Tag wie diesem nicht aufgesetzt, nichts, was die Konvention von uns erwartet, sondern echte Herzenssache.

Aber es kann auch ganz anders laufen. Wir leben davon, dass wir unser Bedürfnis nach Ruhe und Genuss aufschieben können. Nach dem Motto "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen." Das ist eine Lebenskunst, die in unserer bürgerlichen Welt unabdingbar ist. Schon der reiche Kornbauer hat das verstanden. Alle arbeitenden Menschen leben im Rhythmus von Arbeit und Freizeit, haben einen Acht-Stunden-Tag, mal deutlich mehr, mal weniger, manchmal auch im Schichtdienst. Und wer sich da nicht wenigstens ein Stück weit anpassen kann, hat es schwer. Was denn soll z.B. aus Kindern werden, denen es schon schwer fällt, regelmäßig zur Schule zu gehen? Die lieber schwänzen, um mit Freunden rumzuhängen, shoppen zu gehen, oder die auch mangels jeder Orientierung dabei kriminell werden?

Aber es gibt auch die andere Seite. Menschen, die sich viel zu viel zumuten. Die nur noch aus Pflichtgefühl bestehen. Die eine Überstunde nach der anderen anhäufen. Ich will vorsichtig sein, weil ich weiß, dass so manchem dabei die Angst vor der Arbeitslosigkeit im Nacken sitzt. Aber es gibt auch die echten Workaholics, die gar nicht mehr wissen, wofür sie eigentlich arbeiten, weil die Arbeit selbst zum Lebensinhalt geworden ist. Es ist ja überhaupt so, dass unser Leben von dieser großen Zweiteilung lebt: Nach dem Arbeitsleben kommt der wohlverdiente Ruhestand; das Erntedankfest des Lebens sozusagen. Aber was, wenn die Kräfte bis dahin schon längst nachgelassen haben? Wenn die Gesundheit all das nicht mehr mitmacht, was man sich für die Zeit "danach" mal vorgenommen hatte? Wenn ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall dazwischen kommen? Es klang in unserem Gleichnis so drastisch, dass der Kornbauer zu Beginn seines Ruhestandes stirbt, aber es ist doch etwas dran: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", heißt es schon im 90. Psalm. Die Balance finden heißt auch, mit der Endlichkeit unseres Lebens zu rechnen.

Spätestens da merken wir, dass es beim Balance Halten nicht allein um eine Lebenskunst geht, die dieses Motto "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" gut zu gestalten vermag. Es geht eben um Diesseits und Jenseits, um diese Welt und Gottes neue Welt - um das rechte Verhältnis von beidem in unserem Leben.

Das letzte gute Ende, es liegt nicht in den Möglichkeiten dieser Welt. Und wäre der Tod das Ende, dann wäre das ein furchtbarer Gedanke. Aber das gute Ende, das hat Gott gesetzt. Über jedes Scheitern, über jedes Ende in unserem Leben hinaus geht das Leben weiter. Auch über den Tod hinaus. Ich kann das gute Ende nicht in den Möglichkeiten dieser Welt, und erst recht nicht in meinen Möglichkeiten finden; ich kann mir selbst Seelenruhe nicht verschaffen. Aber ich muss es ja auch gar nicht, weil Gott durch die Auferstehung Jesu diese Möglichkeit längst verwirklicht hat. Für mich hat das Martin Luther unvergleichlich gut auf den Punkt gebracht: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan." Und zugleich: "Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Ja, ich bin ein freier Mensch. Ich bin frei, dieses Leben auszukosten, vorzusorgen, seine Früchte zu genießen und dabei auch das Schwere und den Schmerz zu erfahren. Aber ich bin auch frei, mich von seinen Möglichkeiten nicht abhängig zu machen. Ich kann lernen, diese Freiheit auch in meinem Alltag zu gewinnen und daraus so etwas wie eine christliche Lebenskunst zu machen:*Indem ich lerne, etwas aus der Hand zu geben; indem ich lerne, gern zu schenken, auch Dinge, an denen ich besonders hänge, und zwar ohne dafür Gegengaben zu erwarten. Indem ich nicht viel horte. Indem ich lerne, Besitz und Vermögen als Anvertrautes, nicht als Eigentum anzusehen und daher immer bereit zu sein zur Rechenschaft darüber, wie ich das Anvertraute einsetze. Indem ich meinen eigenen kleinen Platz erkenne angesichts des Universums und angesichts Gottes: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?", aber auch gegenüber den Mitmenschen und all den Generationen von Menschen vor uns und nach uns. Indem ich im Erfolg bescheiden bleibe und auch Misserfolg gelassen hinnehme; indem ich lerne, mich nicht für unersetzlich zu halten; indem ich mich vertreten lasse und vor allem jüngeren Menschen Chancen gebe; indem ich lerne, lieber über mich selbst zu lachen als über andere; indem ich lerne, andere ernst, aber mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen; indem ich lerne, anderen zuzuhören, aber nicht dreinzureden; indem ich lerne, mich über den Erfolg anderer zu freuen… Ja, all das und noch viel mehr. Die christliche Lebenskunst heiterer Gelassenheit. Seelenruhe, die nicht ans Ende kommt. Und Erntedank gehört dazu. All die Erntefrüchte hier, alle unsere Reichtümer, ja, uns selbst und unser Leben legen wir vor den Altar, weil wir all das immer nur so haben können, als hätten wir es nicht. Es sind Gaben, die Gott gehören, und ihm schulden wir Dank dafür.

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