Geliebter Gast

5 Jun 2015

Weg ist sie, unsere Untermieterin. Ausgezogen. Von einem Tag auf den anderen. Zu jüngeren Vermietern gezogen. Meiner Tochter nach.

Besonders war unser Kennenlernen im Sommer. Unsere Charis saß an den Abschlussarbeiten für das Examen. Besser gesagt: Sie lernte und lernte und lernte…  Und weil es so heiß war, tat sie dies hinterm  Pfarrhaus, am Campingtisch, unterm Sonnenschirm. Manchmal setzte ich mich dazu, mit bangem Herzen auf die sich auftürmenden Seiten ihrer Exzerpte starrend.

Gerade  war sie ein wenig zum Sprechen aufgelegt und berichtete mir von den wissenschaftlichen Ergebnissen einer Linguistin namens Rubin,  … Auftritt Katze. Aus dem Wald, groß, rot-weiß, mit vollem weichem Fell. Wen wundert´ s, dass sie sogleich mit dem Namen Rubin geehrt wurde?

Rubin blieb nun an Charis´ Seite. Es war ihre Examenskatze, geschickt, um sie in dieser stressigen Zeit zu begleiten. Woher sie kam, - weiß nicht -, aber sie blieb, und das gerne.

Nur selten kam sie ins Haus, höchstens, um einmal in Charis Zimmer hineinzuspähen, ob sie wohl da sei, ansonsten hatte sie sich einen sonderbaren Schlafplatz ausgesucht.

Wer ins Althofner Pfarrhaus eintritt, sieht 3 Türen vor sich: links geht es in ein Zimmer mit der Aufschrift: bitte ausschließlich Mamas Arbeitszimmer, vollgestopft mit Unterrichts- und Bastelmaterialien, geradeaus  liegen 2 längliche „Kabinen“, nämlich Dusche und WC. Das WC nun befindet sich souterrain,  durch einen Lichtschacht begrüßt den Eintretenden das Tageslicht, aber nicht nur das. Seit der Ankunft unserer Rubin begrüßte den „Bedürftigen“ tagsüber aus dem Lichtschacht auch unser Katzentier. Im Schlaf durch die WC-Spülung gestört, erhob sie sich meist gravitätisch und schaute groß auf den erschrockenen Gast. Eben  diesen Lichtschacht hatte sie sich zum Schlafplatz auserkoren, und so mancher Pfarrhaus-Besucher erschrak, als er nach getaner „Arbeit“, aus dem Fenster blickend, ein großes Katzengesicht vor sich sah.

Rubin wohnte dort zum Vergnügen aller Jungscharkinder, der Konfirmanden, die im Pfarrhaus unterrichtet wurden und so mancher anderer Gäste.

Nur durch die Schräge des Gitters war es ihr möglich, sich dort hineinzuzwängen. Und weil sie diesen Platz so liebte, machten wir ihn unserm zugelaufenen Haustier gemütlich. Ein überdimensionales Backblech schützte vor Regen und Schnee und etliche Decken waren auch rasch herbeigeschafft, um einen warmen Schlafplatz zu bauen.  „Hier wohnt Rubin“, schrieb unsere Tochter später zur Vollendung unserer Arbeiten an die Wand des Lichtschachtes, Adressenschild mit Blümchen, versteht sich.

Und nun ist sie weg, mitgenommen die Examenskatze, zum Haus  des Freundes unserer Tochter.

Wir haben sie inzwischen bereits mehrmals besucht, auf unser Rufen kam sie würdevoll dahergeschritten, als sei es selbstverständlich, dass man irgendwann einmal seine Heimat verlässt, um nach neuen Ufern auszuschauen. Der Lichtschacht im Klo aber erschreckt uns durch sein Unbewohntsein. Auch das Adressschild ist inzwischen abgefallen.

Im Moment erhält das Pfarrhaus eine neue Wärmeisolierung. Die Styroporplatten an der Wand haben den Einstieg zu Rubins ehemaliger Heimstatt verschlossen. Ein schönes Kapitel unseres Hierseins ist beendet.

Der Katze aber wünschen wir, dass sie weiter Freude bereitet, so wie sie es in einer stressigen Zeit bei uns mit Erfolg getan hat.

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